Neid? Darf ich das fühlen?

Die eigenen Gefühle tragen eine tiefe Weisheit in sich und sind oft Sprachrohr der Seele. Wenn es Gefühle der Freude, Begeisterung oder Hoffnung sind, kann man sie meist gut annehmen. Bei Wut, Ärger oder gar Neid haben wir oft gelernt, diesen Gefühlen zu widerstehen, bzw. sie zu unterdrücken. Besonders Neid ist ein äußerst unangenehmes Gefühl und du hast vielleicht schon erlebt, wie destruktiv Neid ausgelebt werden kann. Hat Neid auch eine konstruktive Seite?

Wenn Neid aufkommt, bzw. in bestimmten Situationen in dir fühlbar ist:
Erlaube dir dieses Gefühl zu spüren.
Deshalb musst du es ja noch lange nicht ausdrücken.
Unterdrückte Gefühle sind viel gefährlicher, als wenn sie angenommen und reflektiert werden.

Mögliche Botschaften des Neids:

1. Es gibt Gründe, wo Neid angebracht ist.
Vielleicht wirst du ausgegrenzt oder benachteiligt und der Neid zeigt dir diese Ungerechtigkeit auf.
Das kann im familiären, beruflichen oder freundschaftlichen Kontext sein.
Dann wäre es gar nicht gesund, die Augen davor zu verschließen. Sondern der „Neid“ ist dann eine gesunde Spur zu deinem Schmerz, einem Gefühl der Ungerechtigkeit. Optimalerweise findest du den Weg, etwas anzusprechen. Wartest du aber zu lange, kann das Gefühl „bitter“ werden und du ziehst dich einfach nur beleidigt zurück, verharrst im Gefühl der Bitterkeit oder es kommt zu einer Eskalation.

2. Ist es dein Gefühl?
Bist du ein sehr empathischer Mensch?
Dann kann es locker vorkommen, dass du den Neid deines Gegenübers spürst.
Der muss nicht mal mit dir im Zusammenhang stehen. Dein Gegenüber kämpft vielleicht gerade mit diesem Gefühl. Auch dabei ist es wieder hilfreich, aufrichtig mit dir selbst und deinen eigenen Gefühlen zu sein.
Was kannst du tun, wenn dieses Gefühl einfach nur überspringt?
Hast du einen guten Draht zu dieser Person, dann könntest du es ansprechen.
Natürlich nicht verurteilend, sondern mitfühlend. Du könntest sagen: „Du, ich habe letztens in deiner Gegenwart so ein bitteres Gefühl wahrgenommen. Belastet dich etwas?“
Du kannst aber auch entscheiden, es bei der Person zu lassen und nur nach Ho’oponopono-Style nachzufühlen, ob du irgendetwas dazu beitragen kannst, damit die Sache eine positive Wendung nimmt.

3. Neid und Mangeldenken
Neid kann sich einschleichen, wenn du dich ein wenig verloren hast.
Und die Beziehung zu dir selbst in eine Schieflage gekommen ist.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Aber wenn die anderen ihre Erfolge feiern, sind die Anstrengungen, die dahinterstecken, ja nicht sichtbar. Fremde Erfolge können für den Beobachter schwer zu nehmen sein und durch Vergleiche am Selbstwert nagen.

Da helfen ein paar ehrliche Fragen:
Bist du mit dir selbst zufrieden?
Anerkennst du selbst deine Erfolge?
Oder müsste es eigentlich immer besser gewesen sein?
Kannst du das Gute in deinem Leben sehen?

Eine positive Herangehensweise ist es, Menschen die erfolgreich sind und diesen Neid in uns auslösen, ausgiebig zu segnen. Sich mitzufreuen und sein Herz zu öffnen. „Oh, so eine ersehnte Wendung ist schon so nahe an mich herangekommen, dass ich sie bei diesem Menschen sehen kann. Beim nächsten oder übernächsten Mal bin ich dran.“

Ist es zu einer unangenehmen Situation gekommen, wo der Neid dich zu einer Handlung oder bitteren Worten verleitet hat? Springe über deinen Schatten, sprich es eventuell an, aber korrigiere deine Einstellung auf jeden Fall dazu. Niemand ist perfekt, und es zeigt von Reife, damit erwachsen umzugehen.
Bleibe nicht bei diesem bitteren Gefühl!

4. Neid als Entwicklungshelfer der Seele
Jemand anderer feiert das, was du dir schon lange erträumt hast.
Plötzlich steigt eine Mischung aus Traurigkeit, Selbstzweifel, Wut und Mangelgefühl auf.
Bei näherer Betrachtung ist es eine sehr bittere Erfahrung, aber auch ein wesentliches Tor, um einen Einblick über die inneren Dynamiken zu erhalten.

Es zeigt unerfüllte Wünsche auf.
Und wenn du es schaffst, mit Klarheit und Selbstannahme in diese Bitterkeit einzutauchen, kann dir diese ehrliche Selbstannahme eine erfrischende Erneuerung schenken. Sehr hilfreich ist es, die Erkenntnisse aufzuschreiben.
Angenommen und gesehen, bringt der Prozess schon eine Erleichterung.
Wenn du dann aber noch mal, mit ein wenig Abstand, die einzelnen Themen aufarbeitest, kann sich ganz viel auflösen und neu ordnen.

Hilfreiche Fragen, um Klarheit zu deinen unerfüllten Wünschen zu bekommen:
Was davon ist noch relevant?
Was davon strebe ich noch an?
Was soll in der Zukunft wirklich Teil meines Lebens sein?

Aufteilung der unerfüllten Wünsche:

1. Diese Wünsche sind noch aktuell und dürfen in die nächste Runde gehen.

2. Wünsche die nicht mehr aktuell sind.
Wünsche, die ich hatte, um mich besser zu fühlen, mithalten zu können.
(Der Nachbar bekommt ein neues Auto. Ich fühle mich daneben wertlos, wenn ich weiter mit meinem alten Auto fahre.)
Wünsche, die in der Vergangenheit einfach keine Erfüllung fanden und, näher betrachtet, jetzt auch nicht mehr wirklich Sinn ergeben. (Ein Job oder Beförderung, die man nicht bekommen hat.)
Dürfen da einige Wünsche losgelassen werden?
Ganz bewusst begraben oder verabschiedet werden?
Diese Wünsche gehen nicht in die nächste Runde. Wie kleine Pflanzen, die nicht wachsen, kommen sie auf den Komposthaufen und geben damit den Projekten (Pflanzen), die gut wachsen, den Platz.

3. Unerfüllte Sehnsüchte der Kindheit zeigen sich mit starker Dringlichkeit, aber mit einem anderen Gesicht.
Beispiel: Der Vater war emotional nicht erreichbar, und da war so viel Sehnsucht, von ihm gesehen und geliebt zu werden. Heute zeigt sich der Wunsch darin, durch Leistung Bewunderung und Anerkennung zu bekommen. Aber es ist nie genug.
Weil die eigentliche Sehnsucht kaum oder gar nicht davon berührt wird.

So manch unerfüllter Wunsch der Kindheit kann starke (unbewusste) Dynamiken in uns am Laufen halten. Und plötzlich durch Neid an die Oberfläche kommen.
Aus dieser Sicht wäre es fast herzlos, wenn dein inneres Kind nicht Aufmerksamkeit und Trost von dir erhalten würde. Es ist ein Aufschrei einer alten Not des inneren Kindes. Oft lässt schon diese Erkenntnis die alte Sehnsucht schrumpfen.

4. Unerfüllte Wünsche deiner Eltern, bzw. deiner Familie
Die Wünsche müssen nicht immer von dir selbst sein.
Beispiele: Deine Mutter konnte ihre Talente nicht ausleben und hätte dich gerne in dieser Rolle gesehen. Dein Vater hatte bestimme Pläne für deine Karriere, sie entsprechen aber nicht deiner Lebensplanung.
Auch solche Wünsche dürfen erkannt und losgelassen werden.
Es kann sein, dass du hierbei auch Stellung beziehen musst und mit deinen Eltern offen darüber reden, damit die Bahn frei ist für das, was du dir wirklich wünscht.

Neid als Entwicklungshilfe der Seele!
Plötzlich überkommt dich eine Wucht an bitteren Gefühlen, von Neid, Wut, Ärger und Mangelgefühl. „Ach, so schaffe ich das ja nie!“

Und das kann wirklich stimmen!
Nicht deshalb, weil du nicht gut genug bist!
Nicht, weil du unerfüllbaren Wünschen nachhängst.

Deine Seele zeigt an, dass du es anders angehen musst.
Du darfst größer denken.
Eine andere Perspektive einnehmen.
Eine Veränderung deines Seelenwegs steht an und mit einer großen Wucht wirst du aus deiner Gewohnheit herausgerüttelt, um auf eine wichtige Gelegenheit aufmerksam gemacht zu werden.
Du lebst zu sehr für die anderen, jetzt geht es um dich.

Sprich mit Personen, denen du vertraust. Vielleicht haben sie einen Blick darauf, der dir noch nicht möglich war. Auch eine Coachingsitzung kann da viel Aufschluss geben.

So eine Lebenskorrektur kann mit einer kleinen Krise einhergehen.
Hast du aber den neuen Weg beschritten, kann er rückwirkend sicherlich als positiv und notwendig gesehen werden.

So viel Weisheit kann in einem bitteren Gefühl liegen.
Es ist deine Entscheidung, ob du auf die Weisheit deiner Gefühle hörst.

Verfasst von Sabine Ruprecht-Hartl, www.synthese.co.at

Die Kommentare sind geschlossen.